Interview des Radio-Senders rbb88,8 Berlin am 30.12.2021
mit Sascha Wendling über sein Buch LOCKTWON – Die Hauptstadt

 

Das Interview führte Ingo Hoppe (rbb). An- und Zwischenmoderationen werden Kursiv angezeigt. Das Interview wurde vom Goldelse-Verlag nach journalistischen Regeln transkripiert.

Vermutlich hätten wir auch nicht gedacht, dass die Pandemie uns kurz vor Jahresschluss immer noch im Griff haben würde. Darüber wollen wir jetzt, nur mal in anderer, eher künstlerischer Form, reden. Denn natürlich findet das so langsam auch seinen Niederschlag in der Kunst. Es gibt neuen Bildband LOCKTOWN - Die Hauptstadt. Und diesen Bildband hat Sascha Wendling kreiert. Fotos aus dem ersten Lockdown. Und er hat das gemacht, weil er nicht das machen konnte, was er sonst macht, nämlich Touristen führen. Darüber reden wir jetzt.

Ingo Hoppe (rbb): Ich grüße Sie, Herr Wendling.

Sascha Wendling: Ich grüße Sie auch, Herr Hoppe.

rbb: Sie gehören zu denen, die aus der Corona-Not nicht unbedingt eine Tugend, aber das Beste draus gemacht haben: Sie führen eigentlich Menschen durch unsere schöne Stadt und das ging nicht mehr. Das war der Grund?

Wendling: Das war der Grund oder einer der Gründe. Das ist ja innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen fast komplett zusammengebrochen: Mein eigentliches Geschäft, Studienreisen zu organisieren und Menschen Berlin zu zeigen und ich hatte eigentlich dann überlegt, Bilder zu machen für meine Homepage. Also einfach mal die Gelegenheit zu nutzen, die etwas leerere Stadt zu fotografieren, die Gebäude nochmal zu fotografieren und dann neue Bilder für die Homepage zu haben. Und so es ist entstanden, dass auch andere Bilder dazugekommen sind, die dann in dem Buch veröffentlicht wurde.

rbb: Wir sind ja nun im Radio, aber ich geb mir Mühe, LOCKTOWN ein bisschen ins Radio zu bringen: Samstag, 14. März 2020, 22:28 Uhr, Rosenthaler Platz, Rosenthaler Straße. Wir sehen eine komplett leere Kreuzung, beleuchtete Häuser und sonst nichts, also ausgestorben. Ist interessant, weil die Architektur plötzlich so in den Vordergrund rückt.

Wendling: Das war ja eigentlich auch das Anliegen: Ich bin großer Freund von Architektur und wollte nochmal Berliner Architektur ohne Menschen fotografieren, was sonst ja so gut wie ausgeschlossen ist, das zu schaffen. Selbst nachts ist das kaum möglich und deshalb war das auch eigentlich das ursprüngliche Ansinnen meiner Fotografie.

rbb: Noch ein Bild: Samstag, 22:50 Uhr, 14. März, Bahnhof Friedrichstraße und die Friedrichstraße, auch komplett leer. Es ist schon faszinierend, aber irgendwie auch ein bisschen gruselig, weil das so wir haben das sonst immer verbunden mit, wenn Städte ausgestorben sind, die Pest wieder da war oder Atomkatastrophen. Also es hat irgendwie auch bedrohliches oder nichts Friedliches, aber vielleicht ein bisschen. Wie sehen Sie das?

Wendling: Also spooky ist es auf jeden Fall. Das war es für mich auch. Auch in dem Moment, als ich fotografiert habe. Wobei ich dann mit zunehmendem Fotografieren mich mehr noch auf die Gebäude konzentriert habe und das andere, was fehlt, quasi ausgeblendet habe. Das hat mich auch nicht gestört, dass die Menschen fehlten. Im Gegenteil, ich fand das ja ganz gut zum Fotografieren. Aber auch wenn ich hinterher in der Nacht oder am nächsten Morgen die Bilder nochmal auf den PC angeschaut habe, hab ich dann erst wirklich gemerkt, wie gruselig das manchmal tatsächlich ist.

rbb: Noch ein Bild: Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden, Blick nach Norden, auch hier sieht man die Architektur, die ist ja noch relativ neu. Auch sehr schön, aber eben auch total leer. Sie haben dazu Immer noch links ein kleines Zitat abgedruckt, zum Beispiel von Horst Ewers, Kabarettist: „Die Franzosen haben Rotwein und Kondome gehortet, wir Klopapier.“ Kann man schon mal drüber nachdenken.

Wendling: Ja, kann man, sollten man auch. Also zumindest bei den meisten Zitaten trifft das zu, dass man da nochmal drüber nachdenken kann.

Nicht Alle Zitate sind lustig, die meisten stammen aus der Politik. Die Kanzlerin ist vertreten, Christian Lindner ziemlich oft. Donald Trump aber auch mal. Darüber reden wir gleich.
(Musikpause)

Sascha Wendling ist mein Gast. Als er keine Touristen mehr führen konnte, wegen des Lockdowns, hat er Fotos geschossen. Und das sind Fotos von einer Stadtlandschaft, fast ohne Menschen und wirkt ein bisschen gruselig, aber irgendwie auch faszinierend.

rbb: Herr Wendling, einige Zitate haben wir schon angesprochen. Also auf der rechten Seite sehen wir immer ein schönes Foto, also tolles Papier, alles schick und links ein Zitat. Christian Lindner ist öfter vertreten, hier zum Beispiel 18. Oktober 2020: „Im Übrigen halte ich es für unverhältnismäßig, wenn bei einer kleinen privaten Feier von zehn Leuten die Polizei klingelt, weil sich Nachbarn denunziatorisch betätigt haben.“ So, jetzt gibt es Leute, die schon auch sagen, man geht mit den Freiheitsrechten ganz schön rau um. Andere sagen Nein, das kann man gar nicht scharf genug sein. Also an Händen eines solchen Zitats könnten wir auch so ein bisschen streiten? Was ist ihre Idee dabei?

Wendling: Also ich hab ja auch Donald Trump zitiert, bestimmt mindestens zweimal, wenn nicht sogar dreimal. Und ich bin alles andere als der Vorsitzende seines Fanclubs. Aber die Zitate von Trump und auch die von Lindner, unabhängig davon, wie ich zu den beiden stehe oder stand, gehören einfach zur Zeit dazu, Um auch in der Bandbreite der Zitate vielleicht nochmal deutlich zu machen: Wie war die Diskussion. Ich könnte jetzt natürlich nur Zitate bringen, die meine Meinung widerspiegeln, aber dann wäre es nicht nur zu einseitig, sondern es würde etwas fehlen. Also die Antagonisten würden einfach fehlen. Und durch Trump, möglicherweise auch durch Lindner an der einen Stelle, wird die Bandbreite doch nochmal ein bisschen besser deutlich, denke ich

rbb: Ja. Wir haben dann den damals Regierenden Bürgermeister Müller noch mit dem Zitat „Wieviel Tote sind uns Einkäufe und Restaurantbesuche wert?“. Die Kanzlerin auch häufiger. Also das Ziel ist, die Einbindung in die Stimmung in die Diskussion der damaligen Zeit?

Wendling: Genau, so kann man das wirklich treffend bezeichnen.

rbb: Wir werden das Buch nochmal anders durchblättern und lesen in zehn, fünfzehn Jahren oder?

Wendling: Das glaube ich auch. Am Anfang hatten wir ein bisschen die Befürchtung, wenn Corona kein Thema mehr ist, dass das Buch auch kein Thema mehr sein würde. Jetzt ist Corona noch ein Thema, aber hoffentlich in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr so. Ich glaube, dass das Buch dann immer noch eine leichte Faszination haben kann, weil es eben Bilder zeigt, die man danach nicht mehr gesehen hat und auch einen nochmal zurückholt und erinnert, welche Zeit das gewesen ist. Man hat ja nicht ausschließlich nur schlechte Erinnerungen an Corona. Und deshalb glaube ich schon, dass es auch etwas länger noch einen Nutzen haben kann.

rbb: Wir wollen in der kommenden halben Stunde über den Aspekt reden: Stadt und Land. Denn die Stadt ohne Menschen, das ist ja schon eine sehr spezielle Stadt.

Zu normalen Zeiten war das gar nicht so einfach. Berliner Straßen, Menschenleer zu fotografieren, während des Lockdowns ging das und der Mann Sascha Wendling, der das getan hat, hat ein Buch draus gemacht, das heißt Locktown, die Hauptstadt über Stadt und Land reden wir gleich hier.
(Musikpause)

Sascha Wendling konnte keine Touristen mehr führen. Während des ersten Lockdowns und dann hat er die Stadt mal ohne Touristen und auch ohne uns fotografiert und sind kaum eigentlich gar keine Menschen zu sehen auf diesen wirklich sehr interessanten Bildern eben nur ausgestorbenes. Berlin und viel Architektur Lockdown heißt das Buch.

rbb: Herr Wendling, über die Fotos und über die Zitate haben wir schon gesprochen. Ich habe viel nachgedacht, auch schon vorher, durch ihr Buch aber noch mehr. Ich habe festgestellt, ich bin 1988 gekommen und alles, was für mich Stadt bedeutet, also Bars, Clubs, Galerien, Menschen treffen, das ist jetzt alles weg. Und Ihr Buch zeigt das eben auch noch so deutlich. Und während dieser Zeit habe ich mir überlegt: dann könnte ich auch lieber auf dem Land wohnen. Also wenn Bullerbü, dann auch richtig. Zur Stadt, finde ich, passt es nicht. Zeigt Ihr Buch auch, Stadt ohne Stadtleben ist irgendwie nicht so toll?

Wendling: Ja, das auf jeden Fall. Ich habe das ja auch geschrieben und auch versucht durch die Bilder, die ich über die geschlossenen Restaurants gemacht habe, nochmal auszudrücken. Das ist, wie es meine Frau formuliert hat, meine persönliche Achtsamkeitsübung: regelmäßig in Lokale, Restaurants, usw. zu gehen. Ich bin gebürtiger Rheinländer, da gehört das schon zur DNA. Da habe ich auch wirklich das emotional am stärksten Gefühl, was das bedeutet, wenn das alles was Stadt - wie Sie das ja völlig zurecht auch schon gesagt haben - ausmacht, geschlossen ist. Da fehlt dann wirklich etwas. Nicht nur die Menschen, sondern alles andere eben auch.

rbb: Das Erstaunliche für mich ganz persönlich ist, wenn wir das Gleiche auf dem Land tun würden, und da sieht man dann mit dem Blick über Wiesen und da sind keine Leute, da ist es ja egal, das ist romantisch, warum ist es dann so toll und hier so gruselig?

Wendling: Naja, weil wir hier einfach anderes gewohnt sind und Stadt ist auch Stadt, weil wir wollen, dass Stadt so ist. Und Land ist wahrscheinlich Land, weil die Leute eben das nicht wollen, was wir hier in der Stadt haben. Vielleicht kleine Anekdote: Meine Schwiegereltern leben in der Eifel, in einem 200 Einwohner Dorf. Und wenn dann mein Schwiegervater während Corona gesagt hat oder sich beschwert hat, welche Maßnahmen ergriffen worden sind, dann haben wir gesagt: Wieso? Bei euch hat sich gar nichts geändert und das ist ja eigentlich so wie immer. Menschenleer. Abends um 10:00 Uhr, werden die Straßenlaternen ausgemacht, aber hier ist das Leben komplett zurückgefahren und Leben ist für uns Städter, die hier ja mehr oder weniger freiwillig wohnen, eben das, was Sie eben alles aufgezeichnet haben. Und wenn das dann wegfällt, dann fällt auch vieles von unserer Identität weg.

rbb: Interessant, haben wir vorher vielleicht gar nicht so drüber nachgedacht.

Sascha Wendlingen hat dieses Buch fotografiert und veröffentlicht zu Locktown die Hauptstadt erschienen im Goldelse Verlag. Es kostet 29,90€ nur kaufen, sie können sich im Moment nicht das ist vergriffen. Ab Februar Im kommenden Jahr soll es aber wieder für sie erhältlich sein.